"Gerade jetzt brauchen Studierende eine Gewerkschaft"

Ines-Boebers Salim leitet seit Mai unser Hochschulinformationsbüro

Aktuelles

„Wenn Studierende mit Staatskrediten mit über vier Prozent Zinsen belastet werden sollen, ist das ein Skandal. Während Milliarden fließen sollen wir uns verschulden. Das belastet vor allem Studierende aus sozial benachteiligten Familien. Viele stehen ohne Job da, weil die Hochschulen und Gaststätten geschlossen wurden. Die Universität hat aus Spenden von Beschäftigten einen Hilfsfond eingerichtet, weil es offenbar an ausreichend staatlicher Unterstützung fehlt. Gerade jetzt brauchen Studierende eine Gewerkschaft, die ihre Interessen in der Politik vertritt und den Protest unterstützt. Wir als GEW fordern Zuschüsse für Studierende und eine pauschale Verlängerung des Bafög um ein halbes Jahr.“ sagt Ines Boebers-Salim. Unsere neu Kollegin bietet an der Universität ein Informations- und Beratungsangebot für Lehramtsstudierende an, das von der Jungen GEW NRW getragen wird. 

„Zu normalen Zeiten bietet das HIB Beratungs- und Informationsveranstaltungen rund um das Lehramtsstudium an. Probleme im Praxissemester gehören ebenso dazu wie Infos über private Versicherungen im Referendariat oder Methoden gegen Unterrichtsstörungen. Außerdem arbeite ich Paderborner Studierenden an einer gewerkschaftlichen Hochschulgruppe. Die derzeitige Situation macht es natürlich schwieriger miteinander persönlich in Kontakt zu kommen. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir bald zu bildungspolitischen und hochschulrelevanten Themen arbeiten werden.“ 

Die Hochschulinformationsbüros (HIBs) der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Nordrhein-Westfalen (GEW NRW) gibt es an allen zwölf Universitäten des Landes. Sie werden von der Jugendabteilung „Junge GEW“ des Landesverbandes organisiert. Die Büros bieten ein Beratungs- und Informationsangebot speziell für Lehramtsstudierende. Die HIBs werden von studentischen Beschäftigten betreut. An der Universität Paderborn arbeitet seit Mai 2020 Ines Boebers-Salim. Sie löste Gita Fasli ab, die nun ins Referendariat gegangen ist.

Ines Boebers-Salim (25) ist Lehramtsstudentin mit den Fächern Geschichte und Pädagogik. Ihre persönlichen Interessen liegen beim inklusiven Ehrenamt, dem interreligiösen Dialog, der Erlebnispädagogik sowie den Problemen von Nationalismus, Rassismus und Rechtsextremismus.

„Alte Probleme der Schulen verstärken sich durch Corona“

Kritik an planlosen Schulöffnungen, mangelnder digitaler Ausstattung und den sozialen Folgen der Krise

Aktuelles

"Obwohl die Schulministerin vom Ministerpräsidenten zurückgepfiffen wird, sind die Schulöffnungen laut Fr. Gebauer sehr gut gelaufen. Wir erleben das anders. Das Hü-und-Hott der Landesregierung schafft bei Schüler*innen, Eltern und Lehrkräften weiter Verunsicherung. Außerdem verstärken sich die alten Probleme, wie die mangelnde digitale Ausstattung“, sagt Anke Meinberg-Nolte, Grundschullehrerin in Lichtenau.

Sie ist Mitglied im Kreisvorstand der GEW und weist auf die schwierige Lage hin: „Die Grundschulen sollen nun die Klassen rollieren lassen. Das schafft aber gerade bei arbeitenden Eltern große Herausforderungen, weil sie nun die Kinder in wechselnden Zeiträumen selber betreuen müssen. Außerdem erreichen wir durch die schlechte technische Ausstattung vor allem die sozial benachteiligten Schüler*innen nicht. Uns fehlen Geräte, aber den Kindern in Armut ebenso. Deren Eltern können auch den fehlenden Unterricht zuhause nicht ausgleichen. Deshalb finde ich die Bevorzugung der Abiturprüfungen unsozial. Für die Abiturient*innen hätte es eine Alternative gegeben - diese Kinder haben keine!" 

Aber auch in anderen Schulformen gibt es Unmut. Anett von Gernet, Realschullehrerin in Hövelhof und Mitglied im Kreisvorstand der GEW, sagt: „Wir hängen in den weiterführenden Schulen mit der unklaren Öffnungspolitik genauso in der Luft wie seither die Grundschulen. Wenn der Beschluss am 06. Mai fällt, dann haben wir schon wieder nur drei Tage Zeit uns den neuen Vorgaben anzupassen. Die Schulöffnungen sind nur deshalb in Teilen gut gelaufen, weil die Lehrkräfte sich reinhängen. An dieser Stelle unser ganz großer Danke an die Lehrkräfte und Schulleitungen!“

Das Engagement der Kolleg*innen alleine reiche aber nicht. Anett von Gernet weiter: "Wir machen diese Arbeit gerne und übernehmen auch die Verantwortung für die Schulen vor Ort. Aber dazu braucht es klare Rahmenbedingungen, ausreichend Zeit und Material. Überall schießen nun Videokonferenzen aus dem Boden, auf vielen verschiedenen Systemen. Kolleg*innen werden verpflichtet, sich bei bestimmten privaten Online-Diensten anzumelden. Das geht gar nicht. Es fehlt an digitaler Infrastruktur durch das Land und das Risiko des Datenschutzes bleibt weiter an uns Lehrkräften hängen. Das Land muss hier mehr Verantwortung übernehmen und die Ausstattung in allen Schulen sichern. Aus Erfahrung wissen wir aber leider: Milliardenprogramme für die Wirtschaft bedeuten nicht automatisch auch mehr Geld für die Bildung.“

„Völlig überstürzte Schulöffnung“

Lehrkräfte und Schulleitungen werden alleine gelassen

„Wir halten das für eine völlig überstürzte Schulöffnung. Die ersten Informationen der Schulministerin Fr. Gebauer kamen am Freitag per Mail. Ab Montag haben die Kolleg*innen im Kreis jetzt drei Tage Zeit zur Vorbereitung. Egal, ob es eine Schule mit großen Gebäuden und viel Gelände ist, oder klein und überschaubar. In dieser Zeit sollen wir neue individuelle Prüfungsaufgaben entwickeln. Zugleich müssen wir uns mit den Kommunen und den Gesundheitsämtern abstimmen. Die Richtlinien für Hygienemaßnahmen der Kultusministerkonferenz (KMK) sollen erst am 29. April vorliegen. Aber wir müssen ab Donnerstag Unterricht anbieten. Per Mail schickte uns die Schulministerin noch einen Hygieneplan von 2015! Der veraltete Plan berücksichtig natürlich nicht, wie speziell bei Corona mit Vorerkrankungen von Schüler*innen oder Kolleg*innen umzugehen ist. Schlechter organisiert geht es kaum.“ kritisiert Anett von Gernet, Realschullehrerin und Mitglied im Kreisvorstand Paderborn, das Vorgehen der Landesregierung.

Dietmar Winsel, Gesamtschullehrer und Personalrat in Detmold, ergänzt: „Trotz der Forderungen der Landesschüler*innenvertretung und der Landeselternschaft der Gymnasien, beharrt die Landesregierung auf der Durchführung der Abiturprüfungen als einzigen Weg. Als GEW haben wir das kritisiert und uns für Alternativen ausgesprochen. Was ist wenn die Prüfungsvorbereitungen wegen des Anstiegs der Infektionen wieder abgebrochen werden müssen? Kommt dann doch das Durchschnittsabitur oder die Absage? All das lässt die Landesregierung offen und uns im Regen stehen.“